Veröffentlicht am: Stellungnahme
- Strahlenrisiko
Beurteilung der Fall-Kontroll-Studie von D. Pobel und J.-F. Viel bezüglich der möglichen Ursachen für Leukämien in der Umgebung der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague
Stellungnahme der Strahlenschutzkommission
Verabschiedet auf der 147. Sitzung der SSK am 03./04.07.1997
Abstract
Anlässlich der im Frühjahr 1997 durchgeführten Messaktionen der Umweltorganisation Greenpeace zur Erfassung der Ableitungen der französischen Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague und der möglicherweise in der Öffentlichkeit entstehenden Irritationen über die Interpretation der Messwerte hat die SSK eine Stellungnahme erarbeitet, die in der 147. Sitzung der SSK am 3./4. Juli 1997 verabschiedet wurde.
In der von Pobel und Viel veröffentlichten Fall-Kontrollstudie (D. Pobel, J.-F. Viel: Case-control study of leukemia among young people near La Hague nuclear reprocessing plant: the environmental hypothesis revisited. Brit. Med. Journal 314 (1997) 101-106) wurden Eltern von 21 Kindern und 6 Jugendlichen, die im Zeitraum von 1978 bis 1993 in der Umgebung der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague wohnten und an Leukämie erkrankten, nach ihren eigenen Lebensbedingungen und Gewohnheiten sowie nach denen der betroffenen Kinder bzw. Jugendlichen befragt. Als Ergebnis wurde festgestellt, dass im Verhältnis zu den Vergleichspersonen nicht mehr Eltern von erkrankten Kindern und Jugendlichen in der Wiederaufarbeitungsanlage arbeiteten. Weiterhin wurde festgestellt, dass sich die Erkrankten und ihre Eltern im Gegensatz zu den Vergleichspersonen häufiger am Strand aufhielten, einen größeren Verzehr von Fisch und Schalentieren aufwiesen sowie häufiger in Häusern aus Granit oder in Gegenden mit Untergrund aus Granit wohnten.
Die SSK kommt in ihrer Stellungnahme zu folgender Bewertung der Studie:
Die Untersuchung weist eine Reihe methodischer Mängel auf. Die Auswahl der Kontrollen wurde nicht nach statistischen, epidemiologischen Gesichtspunkten durchgeführt, sondern von den Hausärzten der erkrankten Kinder. Hierdurch ist eine Verzerrung der Studienergebnisse möglich. Die untersuchten Variablen (z.B. sozialer Status, Aufenthalt in Strandnähe, Art des Wohnhauses) sind miteinander korreliert und dürfen daher nicht - wie in der Arbeit geschehen - als unabhängig betrachtet werden.
Die erhobenen Daten könnten teilweise durch den sog. 'recall bias' beeinflusst sein, z.B. könnte die Assoziation mit Strandaufenthalt und Verzehr von Fisch und Schalentieren dadurch mitbestimmt sein, dass bei den betroffenen Eltern eine erhöhte Tendenz bestand, die Erinnerung - bewusst oder unbewusst - auf einen als mögliche Ursache erörterten Faktor zu lenken. Zwar argumentieren die Autoren, ein solcher Effekt könne ausgeschlossen werden, da in Frankreich bis in jüngste Zeit diese Verursachungsmöglichkeit wenig bedacht worden sei, jedoch dürfte insbesondere Eltern eines Kindes mit Leukämie die langjährige Diskussion um Sellafield nicht verborgen geblieben sein.
Bei der Vielzahl der untersuchten Variablen (insgesamt 173) und der Art der benutzten statistischen Tests ist die Wahrscheinlichkeit für falsch positive Ergebnisse nicht gering. Falls die statistische Assoziation mit Strandaufenthalt und Verzehr von Fisch und Schalentieren existieren sollte, könnte sie auf sehr unterschiedliche Weise interpretiert werden, z.B. mit anderen Lebensgewohnheiten in Verbindung gebracht werden, die relevant für Leukämie sind, oder mit anderen Einflussfaktoren (z.B. mit sozialem Status) verknüpft werden. Die Interpretation als 'convincing evidence' (überzeugender Hinweis) für den Einfluss der Radioaktivität im Meer ist willkürlich und nicht beweiskräftig.